Kerbgeschichten

Kerbgeschichten - Kirchweihe
Sprendlingen - Im Jahre 1716 wurde die Kirche am Lindenplatz in ihrer jetzigen Gestalt eingeweiht. Über dem Kirchenportal ist zusammen mit dem Wappen der Isenburg-Birsteinschen Herrschaft, die für die Pfarrstelle das Patronatsrecht ausübte, eingeprägt: 1715-18. Aber 1716 wird als Weihjahr dokumentarisch festgehalten. Danach feiern wir am Sonntag, 14. August das Fest der Kirchweihe.
Vorläufer des heutigen Gotteshauses soll eine kleinere, im 30jährigen Kriege zerstörte Kirche gewesen sein, die in vorreformatorischer Zeit dem heiligen Laurentius geweiht war. Aus dieser Zeit ist nichts erhalten geblieben. Als die Kirche 1715 erweitert wurde, damals bereits für eine evangelische Gemeinde, schuf ein unbekannter Kunstschnitzer des Barock die Laurentius-Figur, die jahrzehntelang mit weißer Ölfarbe überstrichen, vor der Brüstung der Orgelempore stand.
In den 50er Jahren, als die Kirche innen erneuert worden war, erfolgt auch eine sachverständige Restauration der Heiligenfigur. Der Laurentius erhielt seinen Ehrenplatz auf einer kleinen Wandkonsole über dem hinteren kleinen Portal. Noch einmal ist Laurentius und sein Märtyrertod auf dem Rost in einem der unteren Bildfenster des rechten Chorfensters gemalt worden.
Der Laurentiustag ist der 10. August. Einer alten Tradition entsprechend wird die „Kerb“ immer am Sonntag nach dem Laurentiustag gefeiert. Die eigentliche Laurentiustradition hat die katholische Laurentiuskirche übernommen. Aber der Kirchweihtag bezieht sich weiterhin auf die im schlichten ländlichen Barock errichtete Kirche, der man den Namen der Reformators und Lutherfreundes Erasmus Alberus gab, der von 1527 – 1538 Pfarrer in Sprendlingen war.
Die Kerb, heute weitgehend ein verweltlichtes Volksfest, nimmt dennoch Bezug auf die eigentliche Kirchweihe. Der Gottesdienst, an dem auch die Kerbborschen teilnehmen, ist ein fester Bestandteil der Kerb.
Nach dem zweiten Weltkrieg, als das Feiern der Kerb sich wieder belebte, war es sogar üblich, dass die Kerbborschen mit Musik und langem Kerbbaum eine „Ehrenrunde“ um den Lindenplatz fuhren. Aber der Ehrgeiz der Kerbborschen, immer längere Fichtenbäume als Symbol des Festes aufzustellen, gestattete es dann nicht mehr, durch die engen Straßen des alten Sprendlingen zu fahren. So bleibt für jene, die die Kerb in Bezug zur Kirche auch weiterhin setzen, der Spruch unter dem fürstlich-isenburgischen Wappen am Haupteingang: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst und komme, dass du hörest!“

-HO-
Quelle: Sprendlinger Stadtanzeiger 1977